Randolf Roth: „Es gibt kein ‚entweder/oder‘. Wir brauchen beides.“

Erscheinungsdatum: 27. Dez 2017 | Eurex Exchange

Randolf Roth: „Es gibt kein ‚entweder/oder‘. Wir brauchen beides.“

Am 11. Dezember wurde der neue Preisfeststellungsservice von Eurex für den OTC-Bereich in Betrieb genommen. Mit Eurex EnLight wagt sich die Börse in neue Gefilde jenseits des klassischen orderbuchbasierten Börsenhandels vor. Dieser Schritt könnte zum Vorbild für andere Handelssegmente der Gruppe Deutsche Börse werden. Randolf Roth, Vorstandsmitglied von Eurex, ist verantwortlich für das Marktdesign von Eurex EnLight. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie Eurex die MiFID II-Regelungen als Chance wahrgenommen hat, die weit über die Einhaltung aufsichtsrechtlicher Vorgaben hinausgeht.

Dr. Randolf RothZoom

Dr. Randolf Roth,
Mitglied des Eurex Executive Board,
verantwortlich für Market Design

 
 

Herr Roth, MiFID II wird von vielen als erhebliche Belastung für die Finanzbranche wahrgenommen. Die Richtlinie kann jedoch auch Chancen bieten. Stimmen Sie dem zu?

Dem stimme ich voll und ganz zu. Betrachten wir einmal, wofür Eurex steht. Die Börse steht für Transparenz, umfassende Liquiditätspools, Belastbarkeit und operative Exzellenz im Sinne von Straight-through Processing. Wenn Sie die Zielsetzungen von MiFID II betrachten, werden Sie einen klaren Zusammenhang feststellen, da es bei MiFID II ebenfalls um die Förderung von Liquidität, Transparenz, Belastbarkeit und – nicht zu vergessen – um die Schaffung weniger fehleranfälliger Prozesse geht. So gesehen liegt es auf der Hand, dass MiFID II Chancen für Eurex bietet. Eine davon ist der Zugang zum Markt für große oder komplexe Orders, die nicht einfach über das übliche Orderbuch der Börse ausgeführt werden können. Genau auf diesen Markt zielt unser neuer selektiver Request-for-Quote-(RFQ)-Preisfeststellungsservice Eurex EnLight.

MiFID II schreibt Brokern vor, den bestmöglichen Preis für ihre Kunden zu erzielen. Was bedeutet das in der Praxis?

Es bedeutet, dass Broker alle möglichen Maßnahmen ergreifen müssen, um das beste Ergebnis für den Kunden zu erzielen. Damit ist nicht nur der bestmögliche Preis gemeint. Es müssen auch andere Kosten, die Schnelligkeit, die Wahrscheinlichkeit der Ausführung, der Umfang und potenzielle Auswirkungen auf den Markt berücksichtigt werden. Darüber hinaus bestehen maßgebliche Dokumentationsanforderungen für die Dauer von bis zu fünf Jahren. Das bedeutet, dass ein Broker noch bis zu fünf Jahre nach einer Transaktion in der Lage sein muss, zu belegen, warum er eine bestimmte Gegenpartei ausgewählt hat, und nicht eine andere.

An dieser Stelle kommen wir ins Spiel: Mit unserem neuen Dienst erhält man nach Absenden des Quote-Request eine umfassende Dokumentation der jeweiligen Orderbuch-Situation und sämtlicher Preise, die verfügbar waren. Verglichen mit einem mündlichen Prozess, in dessen Rahmen alles aufgeschrieben wird, ist dies ein großer Schritt nach vorn.

Derzeit basiert der Markt für große und komplexe Orders überwiegend auf mündlichen Verhandlungen und persönlichen Beziehungen. Wie können Sie diesen komplexen Preisbildungsprozess in einem elektronischen System nachbilden?

Wir müssen die Marktteilnehmer dort abholen, wo sie gerade stehen. Darum haben wir einen elektronischen Prozess geschaffen, der den bisherigen telefonischen Prozess nachbildet, der sich naturgemäß deutlich vom üblichen Orderbuchhandel unterscheidet. Er beinhaltet Verhandlungen, das Hin-und-Her zwischen den Gegenparteien, manchmal feste Preise, manchmal indikative Preise. Grundsätzlich handelt es sich um einen mehrschrittigen Prozess. Wir haben diesen Prozess nachgebildet, um die Umstellung vom mündlichen auf das elektronische Geschäft für die Marktteilnehmer so einfach wie möglich zu gestalten.

Wie lässt sich das mit den Transparenzanforderungen unter MiFID II vereinbaren?

Um die MiFID II-Anforderungen bezüglich bestmöglicher Ausführung und Transparenz zu erfüllen, werden alle ehemals mündlichen, manuellen Vorgänge elektronisch erfasst. Das bedeutet, dass wir alle diese Daten speichern – wobei natürlich sichergestellt wird, dass geschützte Daten nur der jeweiligen Partei zur Verfügung gestellt werden, die Eigentümerin der Daten ist. Wir arbeiten zudem an Statistiken, anhand derer die Nutzer sich anonym mit anderen Nutzern vergleichen können.

Sollten Sie als Börse sich nicht eher auf Ihr Kerngeschäft, den Orderbuchhandel, konzentrieren?

Das zentrale Orderbuch ist für uns natürlich von elementarer Bedeutung, d. h. wir werden uns weiterhin darauf konzentrieren. Es hat sich als belastbar, liquide und transparent erwiesen und entspricht genau dem, was die Regulierungsbehörden sehen wollen. Genau wie die Regulierungsbehörden müssen jedoch auch wir anerkennen, dass es Handelsinteressen gibt, die zu groß sind, um sie effizient mittels eines öffentlichen Orderbuchs zu erfüllen. Das können besonders große Orders oder aber besonders komplexe Strategien sein. In diesen Fällen kann das öffentliche Orderbuch das Handelsvolumen oftmals nicht bedienen, ohne dass der Markt zurückschreckt. Für genau diese Fälle benötigen wir einen durchdachteren und besser angepassten Prozess. Um also auf Ihre Frage zurückzukommen: Es gibt kein „entweder/oder“. Wir brauchen beides.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für den Markt insgesamt?

In erster Linie wollen wir das Verfahren verschlanken und den elektronischen Handel für die Teilnehmer viel einfacher und schneller gestalten. Dadurch werden sicherlich Markteintrittsbarrieren sinken, da die bisherige mangelnde Transparenz und die komplizierten Prozesse häufig abschreckend wirken. Und natürlich versprechen wir uns auch mehr Geschäft mit automatischem Clearing.

Die Teilnehmer können sich für Eurex Clearing oder ein anderes Clearinghaus entscheiden, oder ganz auf ein Clearing ihrer Transaktionen verzichten. Wenn sie sich für Eurex Clearing entscheiden, leitet das System die Transaktion automatisch direkt an das Clearinghaus weiter – ein weiterer großer Vorteil der Plattform.

Der Service wird zunächst für Fixed Income-Optionen angeboten. Ist eine Ausweitung des Angebots auf weitere Produkte geplant?

Ja. Wir beginnen mit Fixed Income-Optionen, weil wir uns zunächst darauf konzentrieren wollen, ein bestimmtes Problem für eine bestimmte Benutzergruppe zu lösen, statt zu versuchen, jedem gleichzeitig zu helfen. Wir haben allerdings bereits zahlreiche Kundenanfragen bekommen und planen, die Produktpalette voraussichtlich bis zum zweiten Quartal 2018 um Index- und Aktienoptionen zu erweitern. Ein Angebot für Fixed Income-Futures ist ebenfalls im Gespräch. Das wäre dann der nächste Schritt und schlussendlich könnten wir das Angebot nicht nur für Eurex-Produkte, sondern für den gesamten Markt bereitstellen. Die Nutzer können sich dann für unterschiedliche Clearingstellen entscheiden oder das Angebot sogar für reine, ungeclearte OTC-Handelsgeschäfte nutzen.

Sehen Sie in dem Bereich auch Synergien für die gesamte Gruppe Deutsche Börse?

Natürlich. Eurex EnLight basiert auf unserer gemeinsamen T7®-Handelsarchitektur und kann über die T7-API aufgerufen werden. Das bedeutet, EnLight kann auch für den Handel mit bestimmten Aktienprodukten angepasst werden. Es ist nun an meinen Kollegen, das Potenzial für den Kassamarkt auszuloten.

 

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